Vom Leben zur Ewigkeit

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Sie hetze den Gang entlang. Vorbei an vielen großen, schwarzen Türen, die allesamt verschlossen schienen. Blicke immer wieder zurück werfend spurtete von einer Tür zur nächsten. Doch sie konnte noch nicht mal die Griffe in irgendeiner Weise bewegen. Tiefe Männerstimmen verfolgten sie und die Schritte wurden immer lauter. Verzweifelt lief sie weiter.
Wieso waren sie hinter ihr her? Was wollten diese Gestalten? War es wegen den Bildern, die sie nicht mehr losließen? War es wegen dieser Nacht, die sie am liebsten aus ihrem Gedächtnis löschen wollte? Sie wünschte, sie hätte das alles nicht gesehen und bekäme keine Albträume davon. Doch die Erinnerung an jene Nacht blieb. Obwohl es jetzt schon über zwei Monate her war.
In Gedanken daran stiegen ihr die Tränen in die Augen und die Angst trieb sie an den trostlosen Türen und der aggressiven roten Wandfarbe vorbei. Sie musste irgendwie hier raus. Doch sie wusste noch nicht einmal wie sie hier rein gekommen war.
Bei ihrem letzten Blick zurück sah sie die sieben Gestalten um die Ecke schießen. In Panik was diese Männer mit ihr anstellten würden spurtete sie auf die nächste Tür zu. Weil sie so davon überzeugt war, dass diese Tür sowieso nicht aufging, riss sie sie mit so einer Wucht auf, dass sie rückwärts gegen die Wand flog. Sie starrte in das Schwarze, das dahinter lag und rührte sich erst nicht. Erst als die Männer irgendetwas riefen, wurde ihr Bewusst, dass sie ja auf der Flucht war und stolperte in den Raum. Schnell knallte sie die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um. Verdutzt stellte sie fest, dass die Tür ein Schloss hatte.
Erschöpft aber willig weiter zu rennen, drehte sie sich zum Raum hin und ein entsetzter, schriller, gänsehautmäßiger Schrei entfuhr ihr. Tief atmend starrte sie auf das, was der Raum beinhaltete. Und noch mehr verzweifelte Tränen liefen ihre Wangen runter. Dort – vor ihr – waren Kinder. Sie konnten nicht viel jünger sein als sie selbst. Doch im Gegensatz zu den Kindern hier, lag sie nicht in Ketten. Sie hatte kein Halsband um und es schnürte sich nichts enger, wenn sie versuchte sich zu wehren. All diese kleinen Kinder hatten tiefe Einschnitte wegen den Ketten. Nun lagen sie erschöpft mit einem gleichgültigem, leeren Ausdruck in den Augen, vor dem sie noch mehr zurückschreckte. Wie in Trance ging sie durch den Raum. Hinter ihnen waren Jahreszahlen in die Wand eingemeißelt. 1989...1961...1945...1900...1775....1703...1650...Sie ging weiter und bekam eine Gänsehaut, als sie im Stein 600 n.Chr. las. Doch das Kind davor war höchsten 6 Jahre alt. Die Kinder verfolgten sie mit ihren Augen, aber sagten nichts. Nur hier und da war mal ein Wehklagen zu hören. Plötzlich fiel ihr auf, dass es auch ein Wandel der Kleidung war. Das Mädchen vor dem sie jetzt stand trug dreckige Lumpen und sie war sich sicher, dass der Junge am Anfang Jeans getragen hatte. Langsam ließ sie ihre Augen über die Kinderreihe schweifen und da wurde ihr Bewusst, dass die Jahreszahlen für das Gafangennahmsdatum standen. Doch warum alterten sie nicht?
Jedoch wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als hinter ihr die Tür gegen die Wand krachte. Sie wirbelte herum und die sieben Männer kamen auf sie zu. Schnell atmend rannte sie in die andere Richtung vorbei an noch mehr Kinder , die starr und seltsam leer, aber doch vielsagend auf dem Boden kauerten.
Sie stieß die nächste Tür auf und befand sich wieder in einem Gang mit unendlichen Seitengängen. Sie dachte nicht nach, sondern rannte mal rechts rein, mal links rein. Wie sollte sie nur hier rauskommen? Wieder kämpfte sie gegen die Tränen an und rannte an großen merkwürdigen Bildern von Landschaften vorbei. Weiter und weiter...sie wusste nicht wohin. Diese Gänge hatten keine Türen und außer den Bildern war nichts was die blank geputzten weißen Wände voneinander unterschied. Sie fragte sich langsam, ob das ein Labyrinth sei. Verzweifelt und immer noch an die armen Kinder denkend hetzte sie weiter. Dabei stolperte sie öfter gegen die Wände. Hinter sich hörte sie die Rufe ihrer Verfolger. Sie schnellte um die Ecke und fiel von Wand zu Wand, die sie immer wieder zurück federten.
Dann – sie wusste schon gar nicht mehr, dass Gemälde an den Wänden hingen – als sie gegen ein Bild stieß, kippte dieses in die Wand ein – und sie mit ihr. Erschrocken und schnell atmend befand sie sich am Anfang einer Rutsche. Nach rechts und links befand sich nichts. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als dort runter zu rutschen. Merkwürdigerweise blies ihr warme Lust ins Gesicht. Sie hatte schon am Anfang das Gefühl, als würde diese Fahrt Stunden dauern. Nach und nach fühlte sie sich leerer, aber auch freier. Es schien ihr, als würde ihr eine Große Last aus dem Gedächtnis gezogen. Sie dachte an viele schreckliche Dinge aus den vergangen Jahren. Dabei waren diese Erinnerungen so klar und deutlich, wie nichts anderes zuvor. Doch diese Bilder und vor allem die Gefühle beängstigten sie. Sie fühlte sich, als ob sie vollgestopft und zugleich ausgepumpt werden würde. Bilder erschienen vor ihrem geistigen Auge, die sie mehr als schockten und von denen sie nicht mal zu träumen wagte.
Dann endlich – sie hielt dieses hin und her kaum mehr aus – kam das Ende der Rutsche und sie plumpste auf einen Lakenstapel. Der Druck auf ihren Kopf und gesamten Körper hört schlagartig auf. Sie sah sich um. In diesem Raum befand sich nicht viel. Nur diese Lumpen, die wohl als Polsterung dienten. Sie stellte fest, dass dieser Raum keine Tür besaß.
Müde ließ sie sich in die Lumpen zurück fallen. Was sollte sie nur machen? Es gab keinen Ausweg mehr. Sie konnte nur noch abwarten, dass diese seltsamen Gestalten – was immer sie wollten – sie holten. Am liebsten wäre sie jetzt aus diesem furchtbaren Traum erwacht. Sie zwickte sich zweimal kräftig in den Arm. Es schien weh zu tun. Das war genug für sie, um zu wissen, dass sie gefangen war.
Als sie so dalag, versuchte sie sich an schöne Momente in ihrem Leben zu erinnern. Doch da war nichts. Sie schloss die Augen und wollte an ihre Familie denken. Hatte sie denn eine Familie? Hatte sie Freunde? Was war das überhaupt – eigene Familie? Kannte sie irgend wer? Was war geschehen bevor sie die Rutsche hinab war? Wie war sie überhaupt in dieses Gebäude – sofern man es so bezeichnen konnte – gelangt? Statt ihren persönlichen Erinnerungen erschienen Ereignisse vor ihrem inneren Auge. Ereignisse, die wohl in den letzten Jahren auf der ganzen Welt passiert waren. Es mussten große Ereignisse gewesen sein, denn sie verspürte  Aufruhr, Zorn, Hass und Angst. Jedoch auch so etwas wie Freude – Schadenfreude.
Langsam fühlte sie sich wie eine Maschine, wo einfach alle Erinnerungen abgespeichert wurden. Doch war es wirklich so oder kam ihr das nur so vor, weil jemand ihr dieses Gefühl gegeben hatte? Sie konnte nicht klar denken. Ihr schwirrten viele wirre Gedankenfetzen durch den Kopf, aber keine davon war greifbar. Keine Davon konnte sie richtig deuten. Sie fühlte sich leer und zugleich voll mit Sachen und Erinnerungen, die sie nicht verstand. Nach und nach entglitt ihr Selbst ihrem nun fast leblosen Körper. Wollten diese Männer sie hier verrecken lassen? Sie hob ihren Arm vor ihr Gesicht, um zu sehen, ob sie sich noch bewegen konnte und musste feststellen, dass sie nun nicht mehr ihren Pulli trug, sondern in Lumpen gewickelt war. Ihr blieb gar nicht die Kraft sich zu fragen, wie das wohl gekommen war und sie lag einfach nur so da.
Minuten vergingen bis sieben kleine “Plops“ ertönten und ihre sieben Verfolger sich um das Mädchen scharrten und sie anstarrten.  Sie starrte mit müden Augen zurück. Genau in die Augen dieses Mannes, der direkt über ihr stand und sich von den anderen Männern abhob. Er war wohl der Anführer. Mit klopfendem Herzen wartete sie ab, was jetzt geschehen würde. Doch sie wusste längst, dass sie keine Chance mehr hatte. Sie wussten, dass es ihr Schicksal war nun nicht mehr zu leben.
Dann fing der Anführer an zu sprechen: “Soso... Bist ja gar nicht so dumm wie wir anfangs gedacht hatten“ Ein kaltes leeres Lachen ging durch die Runde. Sie schluckte. Lass es doch jetzt einfach vorbei sein, dachte sie, ihr hattet doch euren Spaß. Ängstlich schaute sie in diese hellen, fast grau - blauen Augen. Doch war es nicht ihre eigene Angst, die sich da in ihr sammelte. Ihre eigene Wut war es auch nicht, die ihre Hände zu Fäusten ballte. Auch wenn sie es gekonnt hätte, hatte sie keine Zeit mehr darüber nachzudenken. Der Anführer fing erneut an zu sprechen: “Hattest du eine angenehme Rutschfahrt?“, er grinste fies und die anderen mit ihm, “Nunja, vielleicht hast du etwas gemerkt, denn dies ist keine normales Rutsche von euren Spielplatz. Du hast dort Bilder und Szenen gesehen, von denen du dich noch nicht mal träumen ließest. Kein Wunder, denn du stammst aus einer sicheren Kleinstadt.“, er überlegte kurz, “Ein paar Schreie musst du auch gehört haben.“ Ja, sie hatte viele Schreie gehört. Viele angsterfüllte  Hilferufe und diese ganzen Gefühle von Liebe und plötzlichem Aus. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, doch das war nicht möglich. Dann kam sie wieder. Die kalte gehässige Stimme, des Anführers: “Das alles ist in der Vergangenheit passiert. Alles sind mehr oder weniger große, wichtige Erinnerungen.“ – dieses Wort „Erinnerungen“ betonte er besonders - “Sie sind alle in den letzten 17 Jahren passiert. Das sind eine ganze Menge. Mit der Zeit wirst du sie auswendig kennen, denn sie werden den ganzen Tag in deinem Kopf rumspucken, aber du hast ja sonst nichts zu tun.“ Wieder machte ein kaltes Lachen die Runde. Aber sie konnte nicht mitlachen. Stumm und mit einem seltsamen Ausdruck auf den Lippen wartete sie. „Also man könnte es so bezeichnen, dass du extrem wichtig für uns bist. Liege ich richtig, wenn ich zu dir Na’Keitha sage? – Okay. Keitha ist kürzer. Also Keitha, du fragst dich bestimmt, was wir von dir wollen oder?“ Er wartete das Nicken von Na’Keitha ab und fuhr fort. „Weißt du, in den letzten Jahren ist in der Welt viel passiert. Das darf einfach nicht in Vergessenheit geraten.“, er erklärte das alles mit einer Selbstverständlichkeit, als ob das hier alltäglich wäre, „Deshalb haben wir so ein Mädchen wie dich ausgesucht Keitha. Es war sehr einfach. Du bist uns praktisch in die arme gelaufen und wir beobachten dich schon eine ganze Weile. Daher war es eine Leichtigkeit dich hier her zu locken. Aber du wirst dich bestimmt nicht mehr an all das Erinnern oder?“ Er grinste fies.
Das stimmte. Sie wusste grad noch wie sie hieß und , dass sie nächste Woche 13 geworden wäre. Doch wie sie hier her gekommen war wusste sie nicht mehr. Sie wollte weinen, doch ihr Körper schien vergessen zu haben, wie das ging. Sie wusste nicht, wie das alles weitergehen würde, doch sie wollte das auch gar nicht wissen.
Mit dieser klebrigen Stimme redete der Mann weiter:„ Wie gesagt – du bist extrem wichtig für uns und damit meine ich unser Unternehmen. Du, ja du bist der Schlüssel der Menschheitsgeschichte der letzten 17 Jahre. Ohne dich würden diese Informationen in Büchern und Videobändern in Vergessenheit geraten, denn wer liest heutzutage noch Bücher?“ Eine ganze Menge, dachte Na’Keitha. „tztztzt, du meinst die langweiligen Schulbücher, die eine Menge lesen? Ich bitte dich, das ist doch Schwachsinn. So hart es für dich klingen mag, aber aus Büchern lernt man nun echt nichts.“ Er schüttelte seufzend den Kopf. „Man lernt nur aus Erfahrungen und Erinnerungen und natürlich aus Gefühlen.“ Er machte eine kleine Pause und schaute dem Mädchen dann wieder in die Augen. Doch waren es überhaupt ihre Augen, die ihm da entgegen starrten? „Nun wären wir wieder bei dir. Niemand und nichts kann Gefühle, womit auch großer Schmerz verbunden ist, so gut speichern wie Menschen. Menschliche Wesen sind das Einzige, was wir so manipulieren können, dass sie irgendwann durch diese Rutsche rutschen. Damit meine ich natürlich größtenteils Kinder, denn sie sind naiv und dumm!“ Wieder lachten die Männer. So langsam schien Na’Keitha zu verstehen. Sie war mittendrin in einer Verschwörung und wurde nur benutzt. Das Schlimmste daran war, dass es keinen Ausweg gab.
Sie schaute hoch in diese tiefgründigen Augen und wünschte sich selbst nicht so angestarrt zu werden. Die Tatsache so im Mittelpunkt zu stehen, gab ihr ein seltsames, fernes Gefühl.
Dann begann ein anderer Mann zu sprechen: „ Jetzt hast und weißt du alles, was du wissen musst. Wir bringen dich jetzt zu deinem Arbeitsplatz.“ Dieser Mann lächelte etwas und war generell anders als die Anderen. Doch Keitha hatte keinen weiteren Gedanken darüber nachzudenken. Mit einem Rascheln hatte sie ihre eigenen Klamotten wieder an. Dann wurde sie wie von Geisterhand in die Luft gehoben und vor ihnen in der wand tat sie ein Ausgang auf. Wie bei einem Trauermarsch gingen die sieben Gestalten neben der schwebenden Na’Keitha her. Sie starrte an die Decke. Die seltsamen Einritzungen dort erinnerten sie an große Räume in wichtigen Gebäuden, an Macht und auch an den Raum der Kinder – der Maschinen. Erschöpft drehte sie den kopf und blickte wirklich in eins der Gesichter dieser Kinder, die so ein schlimmes Schicksal teilten. Sie schloss die Augen. Doch vor ihrem inneren Auge spielten sich Szenen ab, die sie lieber aus ihrem Speicher gelöscht hätte. Der scheinende Trauerzug hielt an. Sie waren angekommen.
Langsam, aber sicher wurde sie auf den Boden gelassen, wie von selbst aufgerichtet und mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Wie eine Schlange kroch das Band ihre Beine hoch und schnappte schließlich an ihrem Hals zu und ein seltsames Summen begann.
„Das war’s auch schon.“, sagte der Anführer trocken. „Lasst uns gehen.“ Mit gleichmäßigen, einheitlichen Schritten entfernten sich die sieben Männer. Machthaberisch gingen sie durch den Raum und verschwanden durch die nächste Tür. Alle Kinder starrten ihnen nach.
Aber Kei schaute sich neugierig um. Sie blickte hinter sich auf die Wand. Dort stand eingemeißelt ihr Name und das heutige Datum.
Wozu stand ihr Name dort? Sie war doch ein Niemand. Ein Niemand, den keiner vermissen würde. Oder einfach jemand ohne Persönlichkeit. Jemand nur mit fremden Erinnerungen. Bei diesem Gedanken und vielen anderen, die nicht ihre waren, fing sie so laut anzuschreien, als ob ihr jemand glühendes Eisen an die Füße halten würde.

Ein paar Sekunden später wachte ein Mädchen namens Na’Keitha schweißgebadet aus dem schlaf und saß Kerzengerade im Bett.

(c) by Lena Kern 2006

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